Historisches Lernen und Wissenserwerb

Ausgelöst durch die domänenspezifische Debatte um die durch historisches Lernen zu erwerbenden Kompetenzen und die kontinuierliche Implementierung der Kompetenzorientierung in den Lehrplänen und in die Schulpraxis stellt sich eine Frage immer dringlicher: Welche geschichtsdidaktische Relevanz besitzt das historische Wissens? Nach wie vor finden sich in Lehrplänen normative Angaben zu jenen Minima eines Daten- und Faktenkanons, ohne die Geschichtsunterricht nicht auskommen zu können glaubt. Die Tragweite des damit in Verbindung stehenden Problems wird dabei kaum ins Bewusstsein gerückt.


Das den bildungsbürgerlichen Traditionen nahestehende Bemühen um die „Fakten" der Geschichte bezeichnete Bodo von Borries unlängst erneut als „theoretischen Unsinn", wenn auch als „weit verbreitete Illusion": „Nicht die Fakten, die übrigens keineswegs unstrittig sind (schon gar nicht in ihrer Wichtigkeit), machen Geschichte aus, sondern die Verknüpfungen und Bewertungen." Doch welchen Stellenwert sollen jene zu verknüpfenden und zu bewertenden Wissensbestände im modernen kompetenzorientierten Unterricht dann haben? Wie viel davon ist notwendig und zumutbar?

 

Betrachtet man das historische Wissen unter den Aspekten, die in der älteren Didaktik meist noch als „Kategorien der Geschichte" diskutiert wurden, ist nach wie vor jene von Joachim Rohlfes ausgemachte Systemlosigkeit in der Geschichtswissenschaft zu konstatieren, die sich auch in der Geschichtsdidaktik abbildet. Während etwa die Politikdidaktik unter dem Einfluss des Konstruktivismus und des Conceptual-Change nach den zentralen Konzepten des Faches fragt, ist eine entsprechende Diskussion in der geschichtsdidaktischen Diskussion seit Jahrzehnten nicht auszumachen. Konzeptionelles Wissen wird zwar generell als wichtig erachtet, z.B. um eine differenzierte „historische Sachkompetenz" (Schreiber et al.) oder „Gattungskompetenz" (Pandel) zu erlangen, doch die kritische Auseinandersetzung um jene Konzepte, die den Kern des historischen Denkens ausmachen, stagniert seit langem. Die deutschsprachige Geschichtsdidaktik ist so drauf und dran, den Anschluss an die internationale Diskussion zu verlieren (u.a. Australien, USA, U.K., Italien).

 

Aus diesem Grund erscheint es notwendig, sich mit dem Themenbereich des Wissens im historischen Lernen in seiner Vielschichtigkeit auseinanderzusetzen. Nur durch die Intensivierung der Diskussion zu diesem Thema kann einer Perpetuierung positivistischer und enzyklopädischer Wissensbestände im Geschichtsunterricht vorgebeugt und der Infragestellung der Ausrichtung des historischen Lernens auf den Erwerb von Kompetenzen begegnet werden.

 

Projektleitung: Christoph Kühberger

 

Laufzeit: 2010-2011

 

  

Publikation: Christoph Kühberger (Hg.): Historisches Wissen. Geschichtsdidaktische Erkundungen über Art, Umfang und Tiefe für das historische Lernen. Schwalbach/ Ts. (Wochenschau Verlag) 2012.