Geschichtsbewusstsein bei österreichischen und kanadischen Jugendlichen

 

 

Im Hinblick darauf, dass sich der Geschichtsunterricht zunehmend der (domänenspezifischen) Kompetenzorientierung zuwendet, ist die empirische Fundierung des den Kompetenzmodellen zugrundeliegenden Konzepts „Geschichtsbewusstsein“ von steigender Bedeutung für Normative, Unterrichtspragmatik und Diagnostik. Dies erscheint in Österreich umso drängender, als hierzulande kaum empirische Evidenz zur regionalen Morphologie von individuellem Geschichtsbewusstsein vorhanden ist. Interkulturelle Vergleichsstudien scheinen besonders geeignet zu sein, Aufschluss über das individuelle Geschichtsbewusstsein zu liefern, da mögliche Unterschiede kulturellen Variablen (wie Geschichtskultur und Bildungssystem) zugeordnet werden können, während Gemeinsamkeiten geschichtspsychologische Schlussfolgerungen über universelle Entwicklungsprozesse zulassen. Im Zuge des Projekts wird eine interkulturelle qualitative Vergleichsstudie durchgeführt, bei der das Geschichtsbewusstsein von SchülerInnen in Österreich und Westkanada untersucht wird. Es werden 40 Tiefeninterviews mit SchülerInnen zweier Altersstufen (14/15 Jahre und 17/18 Jahre) durchgeführt, transkribiert und analytisch ausgewertet. Für das österreichische Sample werden SchülerInnen aus Salzburg (Stadt) herangezogen, für das kanadische Sample SchülerInnen aus Vancouver, British Columbia. Geschlecht, Schultyp und schulisches Leistungsniveau werden bei der Sampleerstellung repräsentativ berücksichtigt. Die Tiefeninterviews basieren auf einer Mehrzahl von thematischen Fragestellungen, welche die sieben Dimensionen des Geschichtsbewusstseins (Pandel) und die sechs Konzepte Historischen Denkens (Seixas) ansprechen. Die Auswertung geschieht auf der Grundlage einer eingeführten Methodik.

 

Obwohl Kanada und Österreich demselben („westlichen“) Kulturraum zugeordnet werden dürfen und damit historische Narrative und Geschichtskulturen teilen, erscheinen signifikante Unterschiede in Bezug auf das Geschichtsbewusstsein sehr wahrscheinlich. Das Projekt versucht, auf folgende Forschungsfragen Antwort zu geben:

 

 

- Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten hinsichtlich des individuellen Geschichtsbewusstseins können bei österreichischen und kanadischen SchülerInnen beobachtet werden?

- Welche Unterschiede und Entwicklungsfortschritte hinsichtlich des individuellen Geschichtsbewusstseins können bei den untersuchten Altersgruppen beobachtet werden?

- Inwieweit können interkulturelle Unterschiede durch unterschiedliche Curricula, Unterrichtsmethoden und Geschichtskulturen erklärt werden?

- Lassen sich aus den Ergebnissen (vorläufige) Empfehlungen für die Geschichtsdidaktiken der beiden Länder ableiten?

-Können  (geschichtspsychologische) Rückschlüsse auf die Annahme, dass Geschichtsbewusstsein eine anthropologische Konstante ist, aus den Ergebnissen gezogen werden?

- Lässt sich die verwendete qualitative Methodik in eine quantitative überführen, um die Aussagekraft der Ergebnisse zu steigern?

 

Das Projekt wird durch Prof. Peter Seixas am Centre for the Study of Historical Consciousness (Faculty of Education, University of British Columbia) in Vancouver mitbetreut. 

 

Projektleitung: MMag. Dr. Heinrich Ammerer

 

Laufzeit: 2012/13